20100418

FLAMIN SEA (Here comes a city)

PACIFIC, 10. November 2009, 03.38  (Singapore Time SGT)

Ich glitt hinunter aus den Himmeln in die See. Schon ward ihr da. Ein Zug brachte euch über die Schonung zu den Ufern hin. Rasend schnell näherte er sich dem Delta.

                 Twenty-two rivers I see.

Wie Winde zärtlich durch Baumwipfel streichen, so sind deine Erinnerungen an ihn. Nackt lehntet ihr an der zerklüfteten Eiche. Gelb flatterte das Band am Ast. In der Dunkelheit webte sich schimmernd das Netz um eure erhitzten Körper. Ein Blitzschlag verband mit verzückendem Zucken die Glieder. Doch so stimmt es nicht. So geschah es nicht. Heiß brannte die Sonne, kein märzener Frühlingshauch umfing euch. Und: Können denn Riesen am Meeresstrand Wurzeln schlagen? Noch weniger als im Asphalt, vergiss das nicht. Es war alberne B-Horrorfilm-Romantik. Aber: Ihr fühltet ein heiliges Begehren. Deinen erschöpften Leib betörte die täuschende Zärtlichkeit des maskierten Jünglings.
Spitz die Ohren, flüsterte ich.

"Rolling. Pushing. Rolling. Pushing."

Oh, boy. Shut up.

Wenn du sprichst, schlägt sie die Augen auf. Der Spiegel erlischt. Sie sieht die unbehaarte Brust auf dem Laken. Das kühlende Wasser der See versickert. Schattiges Waldgrün verwandelt sich in Neon-Licht. Die Wogen zerbersten im Lärmen der Kreuzung.

"Pushing you away from me. Pushing you away from me."

"Geliebte Schwester, er ist kein Altar, du bist kein Opfer.", flüsterte ich. Hörtest Du mich endlich? Er ist es nicht, Armgard. Denk an Karim.

He´s only twenty-eight, calls you "Babe". 

Er spielt nur den dunklen Ritter. Schon hat er gebadet in Drachenblut. Du zeigtest ihm unser Geheimnis. Sieh dich vor, Schwester. Er ist ein grinsendes Kind. Ein Schnitt und er wird JOKER.

"A crowded train, a silent night
The country's black and the cities are bright."

Ich eile. Doch der Weg ist weit von hier. Singapore. Keine bleibt unversehrt. Meine Fußsohlen schnitten sie mir. Es gleitet sich schlecht ohne Flossen.
Fucking night: "Let me be your nightmare."
Es ist ein Fake.

"On this flight, through the night
On this flight, historic night"

Zu spät. Sie fällt. -------------------------------------------

THE GERMAN NIGHT.

20100412

KRISTALLKLAR (Now, you´ve been thrown)

10. November 2009, Neuglobsow am Stechlinsee, 02:34 Uhr (Central European Time CET)

Gestern: 20 Jahre MAUERFALL - auf allen Titelseiten, in aller Munde, Feierlichkeiten auf allen Kanälen - auch Mr. Hell, wie sich zeigte, hatte es nicht vergessen.

8.54 Uhr CET - Tom Hell send you a message:
Bist Du wach, Annie? Kommst Du auf Facebook?

9.03 Uhr CET - Tom Hell posted on your wall:

Ich loggte mich auf Facebook ein. Kommentierte: "If only you were here, Tomasz, right here." Dann öffnete ich den Chat:
-Hi, Tomasz. Good morning.
Hier es ist Abend, luv. Sieben Uhr.
- Guten Abend dann, Tomasz.
Wie geht es?
- Missing you. And him...
You could be here. Annie.
- You know...
Hell, Annie. Talked about it a thousand times. I want you.
- Ich bin sechzehn Jahre älter als du.
Damn it.

You say your undone by his kiss
But don´t you think 
That for once in your life
It should be like this

Your hands are tired
Your eyes are green

- Ein neuer Song?
Always TRAIN SPACE. Your voice. The funny accent. No one like you. Like him.
- Mein Sohn hat es auf My Space gehört und mich erkannt.
So what? But I don´t like to talk about your sons.
- Kein neues Lied?
One. I´ll send it.

Die Datei war binnen Sekunden auf meinem Rechner. Wunder der Technik. Von Sydney nach Neuglobsow am Stechlinsee. Ich hörte mir das Lied an: MINDLESS. Psychedelische Syntheziser-Klänge. Rauhe Bässe. Ein düsterer, hasserfüllter Songtext, schließlich ins Schwülstige abgleitend. Oh Tomasz. Ohne Karims sanfte Ironie wird alles, was du machst Kitsch.

Like it?
- Ich bin nicht sicher. Diese Blutorgie am Anfang. Dann die Nymphen. Dieser Mix aus Gothik und Barock. Ich weiß nicht, ob ich das mag.
I like to mix it all. 
- Ja. Ich weiß. Am Ende: keine Revolution, sondern eine Restauration. I think, it´s Marie Antoinette herself who would understand you best. 
You´re joking. - But why not? I could grab Her Majesty, use her body, afterwards we eat a cake, then I cut off husband´s head and run away with her.
-Use her body? She´d use yours!
Yeah, I´m young and beautiful. But - AS YOU KNOW - I like to dominate. Annie.
- So you´d use her. Run away with her. In the end you´d be stucked with a fortysomething, an elderly lady.
Haha. I wouldn´t care if her body would be .... useful....
- Asshole.
Damn it, Annie. What´s that about? Should I love your immortal soul? No, I love your body - a woman in the body of a girl.
-That´s all bullshit. Haven´t you seen the stripes on my hips?

(Und die fingerkuppengroße, kreuzförmige Narbe an meinem Nabel von der unumgänglichen Sterilisation. - Das schrieb ich nicht. Das nicht.)

That you´re made of steel
But don´t you think that
For once in your life
You should be made to feel

You´re hands are tired
You´re eyes are green

Annie. I´ve seen Annie-Thing and everything and I love it. Love you. Love the ways you´re making love ... To me.  I just don´t love your low self-esteem.
-So it´s all about sex?
Yeah, it´s all about fucking you. Fuck you. Annie. Would I talk to you now if I´d think that? If I´d feel that? Ich will dich.
- Es geht nicht. Oceans Apart.
Wo bist du? Im Bett?
-Nein. An meinem Schreibtisch.
I want you to be a part of me.
-Aber ich bin hier. Und du bist dort.
Anywhere. Everywhere. Just trust me.
- Tomasz, I have to work. Love you, dear.
Always the same. No Cybersex. Not with SoberAnnie.
- Das ist nicht fair.
We can´t be all tied down.
I´m not tied down.
Marriage is a prison.
- The boring book of love.  Remember?
I´d spin you around.
- I lost myself with you.
I found you. I hold you.
- Ich muss mich wiederfinden. Wie ich leben will.
You fucking Germans. Always taking the fun away. Why are you so serious?
-That´s the way we are. 
The German ANGST. I know, I know, my bloody German lady. By the way: Congratulations. The German Schicksalstag. Mauerfall.
- Es ist auch der Tag der Kristallnacht. Vergiss das nicht.
You Germans were always strong and powerful. You should rule the world.
- Ich bin kein Nazi!
You said it. Not me. Just do what I tell you.
- Stop it, Tom.
You will obey.
- No. I´m not your puppet. Ich will das nicht.
You germans are philosophers not masturbators.
- Warum tust du das?
Because I can. Fuck you Annie. Bye. I´m watching the Simpsons now.

Tom Hell is offline. In den kommenden Stunden schaute ich immer wieder nach, ob er noch eine Nachricht hinterlassen hatte, während ich an der Vorbereitung meines Seminars arbeitete. Keine Nachricht von Tom Hell auf Facebook. Keine e-mail für armgardbarby@googlemail.com. Es war nicht unser erster Streit. Aber dieses Ende fühlte sich böse an. Er schaute die Simpsons fast jeden Abend. Fuck you, hatte er auch schon öfter geschrieben (nie gesagt). "Ich tue es, weil ich es kann." Das klang nach Serienmörder. Ich werde Tomasz nicht wiedersehen. Zu mir spricht nur noch der Irre Tom. Der Schwarze Ritter flog nicht ins Down Under. Er blieb bei mir. Die kindischen Spiele. Diese wahnwitzige Lust.

Der Tag ging irgendwie rum. Ich lief einmal um den See. Die Jungen kamen nach Hause. Ich kochte das Abendessen. Bert kam ins Haus. Wir aßen. Um 19.00 Uhr begann ein Vortrag im Stechlinsee-Haus: "Neuglobsow und die deutsche Einheit". Ich hatte Ulla versprochen, dass ich kommen würde. Meine Versprechen halte ich. Ich hörte kein Wort, das dort gesprochen wurde. Immer nur "Fuck you, Annie." Tonlos.

In der Nacht fand ich seine letzte Nachricht auf Facebook: "I´m fucking sick of thee, Annie." (2:24 CET)

20100322

HAAR IM SEE (Man O´Sand to Girl O´Sea)

Institut für Gewässerökologie, Abteilung Limnologie geschichteter Seen
Stechlinsee, 13. November 2009, 17.55 (Central European Time)

Bert saß am Labortisch, vor sich aufgereiht und nummeriert die Wasserproben des Tages. Den langen Oberkörper beugte er mit rundem Rücken nach vorne, die Schultern etwas zusammengezogen. Ungesunde Sitzhaltung, würde Anne sagen, kein Wunder, dass du Rückenprobleme hast. Sein Nacken war steif. Es schmerzte, mehr aber noch hinter der Stirn als an der Wirbelsäule. Das silberne Haar. Der Gesang in seinem Ohr. Er konnte sich nicht gerade halten. Für einen Moment presste er den Kopf auf die blanke Tischplatte. Dann riss er sich hoch. Das war ein Fehler. Der Schmerz kehrte mit doppelter Stärke zurück.

Gewässerprobe 11/13/2009-X345082. Nach der Mittagspause hatte er begonnen, die heutigen Proben zu analysieren. Probe X345082 war die dritte, die er unter dem Mikroskop betrachtete. Das Haar fiel ihm nicht sofort auf. Er schob mit der Pinzette ein Plankton beiseite. Da war es: Ein feines Haar, etwa 20 cm lang, silbrig schimmernd. Er schrieb es in den Katalog, verschloss die Probe, fuhr mit seiner Arbeit fort.

Doch es ging ihm nicht aus dem Kopf, das Haar. Der Schmerz begann exakt sieben Minuten, nachdem er die "Haarprobe", wie er sie nun schon nannte, wieder verschlossen hatte. Er durchsuchte die anderen Proben. Nur diese eine enthielt ein Haar. Er nahm die Probe erneut zur Hand, hob das Glas gegen das Fenster. Er konnte das feine Silberhaar jetzt mit bloßem Auge erkennen.

Die Musik, die verrauchte Kneipe, Anne, die den ganzen Abend Bier und Schnaps getrunken hatte, über den Tisch gelehnt, jedem tief in die Augen gesehen. Oh Gott, wie sie das konnte, jedem das Gefühl geben, dass sie nur ihm zuhörte, den Mund halb offen wie ein Kind, die Augen aufgerissen, jedes Wort aufsaugend, zwischendurch ein staunendes "Ja?", das einen noch weitertrieb. Er hatte rechts neben ihr gesessen, die Hand hinter ihrem Rücken an ihrem Hintern. Gerne hätte er ihr den Arm um die Schultern gelegt, aber er wusste, sie wollte das nicht. "Ich will mich bewegen können, wenn wir unterwegs sind. Du sollst mich dann nicht so festhalten. Halt mich jetzt." Manchmal strich er mit dem Daumen am Ansatz ihrer Wirbelsäule entlang. Aber sie war auf der Sitzbank weiter nach vorne gerückt, die Arme und Hände lang ausgestreckt, mal nach links zu Georg hin oder zu Stefan, mal nach rechts zu Katrin und ihnen gegenüber saß Toni, von dem sowieso jeder gewusst hatte, dass er Anne liebte. Jemand hatte Spring Hill Fair aufgelegt und Annes Körper begann zu vibrieren. Und bei d e m Lied dann kletterte sie auf den Tisch und bewegte sich langsam, schlangenartig, warf den Kopf zurück, die Lippen aufgerissen. "The Traffic Lights on the Street of Love have just turned red.. turned red and..." Alle konnten sie sehen und alle sahen sie und am liebsten hätte er sie runtergerissen. Aber er wusste, das hätte sie ihm nie verziehen.

Feel so sure of our love


I'll write a song about us breaking up.

Er zwang sich mit seiner Arbeit fortzufahren. Zwischendurch ging er mal rüber in sein Büro, führte ein paar Telefonate, spielte mit dem Foto auf seinem Schreibtisch: Anne und die Jungs im Garten beim Fussballspiel. Kein gestelltes Familienbild, das hatte sie nicht gewollt. So hatte er nun dieses Bild, man konnte sie kaum erkennen, sie stand halb mit dem Rücken zur Kamera, das Haar wirr im Gesicht, den Mund aufgerissen, den Ball spitz am Fuß. Anne, die nicht erwachsen werden will. Aber morgens wirft sie sich jetzt in ihre Stiftröcke, malt sich die Lippen und sieht aus wie eine Dame. Wer hätte das gedacht.



Man O'Sand to Girl O'Sea


Says it's love you'll get from me
Man O'Sand to Girl O'Sea
Says it's love you'll get from me

Toni starrte unverhohlen Anne unter den Rock, die wie in Trance tanzte. Am liebsten hätte er ihm eine reingehauen. Aber das konnte er nicht. Und Toni war ja auch völlig ungefährlich. Trotzdem: "Das ist meine Frau. Meine Frau. Meine Frau." Sie hätte ihn ausgelacht, wenn sie das gewusst hätte. "Keiner gehört keinem, Bert. Das weißt du doch."

I want you back-


Say it isn't so.
Tears for certain there's no relief
I feel no better with wet cheeks.
And man I stand up to you
I feel it now...I do, and


Immer wieder hatte er den ganzen Nachmittag über die Probe X345082 herangeholt, war zum Fenster gegangen, hatte das Röhrchen gegen das Licht gehalten. Es war unübersehbar jetzt. Das silberne Haar. Wenn er es sah, dröhnte der Song in seinen Ohren:


So we break up, you leave my life


Leave, leave me alone, and
Man O'Sand to Girl O'Sea says it's love
Man O'Sand to Girl O'Sea says it's love


Er sah Anne tanzen, fühlte seine Angst, seine Hilflosigkeit, seine Wut. Das Haar. Das silberne Haar. Es ist nur e i n Haar, ein einziges. In allen anderen Proben des Tages kein weiteres Haar. Es verfälscht die Ergebnisse nicht, wenn er das Haar herauspickt, wegschafft, vernichtet. Bert saugt das Haar an, fischt es heraus, nur das Haar, alles andere bläst er zurück in die Probe.


You're the one, the one I need,


need in times
TIMES LIKE THESE.


Er hält sein Feuerzeug dran. Ein ekliger Geruch breitet sich aus, nur ganz kurz, ist sofort verflogen; das Haar hat nur Bruchteile von Sekunden geflackert, hinterlässt nicht mal wirklich Asche, winzige Krümel nur. Bert streicht sie von der Platte. Er verschließt die Probe X345082. Prüft mit einem Rundblick, ob alles seine Ordnung hat. Zieht seine Jacke über, schließt die Tür des Labors ab, tritt ins Freie. Er atmet tief durch.

Ja, es ist gut hier zu leben, in Neuglobsow am Stechlinsee. Hier ist die Luft frisch, keine Industrieabgase, kaum Autos. Er dreht sich um und verschließt die Außentür des Instituts.


MAN O´SAND TO GIRL O´SEA


SAYS ITS LOVE

20100315

OCEANS APART

PACIFIC, 16. November 20.03 (Singapore Time SGT)

Meine Schwester am See, deine Tränen brennen sich ein, durch all die Wasser spür ich dein Salz in meine Haut sich sengen. Das Blut aber meiner aufgeschlitzen Füße, Schwester, ist längst schon getrocknet. Für dich gleite ich durch die Zeit, die Wellen schlagen über mir zusammen. Für dich verstummte meine verwundete Kehle. Ach, Armgard...

"But there´s no reason to cry."

Und wieder weinst du um einen Mann. Sie sind alle Bären. Die Tiere, Armgard, riechen, hören, schmecken uns, aber sie fühlen uns nicht. Du hast dich gewärmt an einer zotteligen Brust. Ich hab´s dir gegönnt, liebste Schwester. Doch du wolltest mehr. Weine jetzt nicht um den Boy Child Man, Armgard, mit seiner glatten Haut. Auch der wird sich ein Fell zulegen. Sie können nackt nicht überleben. Das weißt du doch. Deshalb verfolgen sie uns. Ach, Armgard...

"But there´s no reason to cry."

Komm, ich singe für dich. Ich finde meine Stimme wieder mit dir. Lass uns tanzen. Meine Füße sind verheilt, sag ich dir. Ich werde schweben. Dann wird es nicht weh tun. Reich mir deine Hände. Den Rhein schwimme ich nicht hinauf. So viele Tränen brennen darin. Der deutsche Fluss, oben am Fels saßen wir als Loreley. Weißt du noch? Ach, Armgard...

"No reason to cry."

Kommst Du?

"See you in Singapore."


Then the lightning finds us


Burns away our kindness
We can’t find a place to hide
Come the rainy season
Surrender to our treasons
Can we even find our tears?

20100307

ABFLUG ("Right here. Right here.")

16. November 2009, Flughafen Frankfurt am Main, Terminal 2, 22.53 (Central European Time CET) 

"Passagiere für den Flug Qantas Airlines 005 nach Sydney über Singapore bitte zum Gate 22. Passengers for Flight Q 005 to Sydney via Singapore..." Die Maschine startet um 23.05 CET. Ich werde fliegen. Mitten hinein fliegen in meine Hölle. Ich werde keine Rücksicht nehmen und keine Vernunft walten lassen und an niemanden denken, nur an meine Sucht, meine SEHN-Sucht nach Mr. Hell.

"Right here. Right here. I´m keeping you right here."

"Kann ich bitte Ihren Pass sehen?" Ich lege meinen Reisepass vor, in den seit dem 9. Oktober ein gültiges Reisevisum eingeheftet ist. Ich bin ausgestattet mit zwei Kreditkarten, auf Konten angemeldet, auf denen - nach Abzug der Kosten für die Flugtickets - noch exakt € 23.007, 45 gutgeschrieben sind. Es wird eine Weile reichen. "Du bist feige." Ich bin nicht allein, Mr. Hell. My sons. Nicht daran denken. Heute morgen habe ich es gewusst. Es geht nicht mehr. Ich verbrenne von innen.

Montag, der 16. November 2009, 4.35 CET in Neuglobsow am Stechlinsee. 14.35 ACST (Australian Central Standard Time). Mr. Hell liegt zwischen Bikinischönheiten am Bondi Beach. Ich zog am Posament. Das Wasser rauschte unter mir weg. Eigentlich war die Spülung überflüssig. Ich war aufgestanden, weil ich nicht länger mit offenen Augen liegen bleiben konnte, den schweren Körper des Bären neben mir. Die Zufriedenheit des unschuldigen Bären war das schleichende Gift, an dem ich erstickte.

Ich tappte zurück ins Zimmer, durch die Läden drang das Grau des frühen Novembermorgens. 4.53 Uhr zeigte der Wecker über dem Kopf des Bären. Ich griff die Jeans vom Stuhl, die Trainingsjacke, die Unterwäsche von gestern, egal. Ich musste raus. Der Bär schnaufte und wälzte sich auf die andere Seite. Im Flur zog ich mich fröstelnd an, die Laufschuhe standen vor der Eingangstür auf der Treppe. Rennen, wegrennen. Zum See.

Montag, der 16. November 2009, 5.30 CET. Der 7. Tag ohne Nachricht aus dem Höllenkreis. Ein weiteres Wochenende vergeblichen Wartens, der Versuche unauffällige Ausreden zu erfinden, warum der Rechner hochgefahren werden muss. "Ole wollte mir eine Mail schicken, ob wir in der nächsten Woche eine Sitzung haben." Dann schnell den geheimen e-mail-Account aufrufen, Skype, facebook - die Verbindungslinien zu Mr. Hell in die andere Welt, DOWN UNDER. Noch immer kein Post, kein Wort, kein Zeichen, nirgends. Letzte Nachricht vom 10. November 2009, 20.24 ACST: Tom Hell send you a message: "I´m fucking sick of thee." Halbdrei Uhr nachts in Neuglobsow am See. Dann nichts mehr. Tom Hell is offline.

Ich blieb online. Netz-Stalkerin auf der Suche nach Spuren von Mr. Hell. Nirgends ein Zeichen, dass Tom Hell online war, seit 10. November 2009, 2.24 CET. Anne B. send you a message: "I will - come. I will. Pls." November 10th 2009, 7.45 CET. Viertel vor sieben in Neuglobsow am Stechlinsee. Anne B. send you a message: "Where are you, T.H.?" November 10th 2009, 8.04 CET. Prime time in Darlinghurst. Are the Simpsons still on? Keine Antwort. Anne B. send you a message: "Pls. answer. Tom.", November 11 th 2009, 0:34 CET. Halbeins in Neuglobsow am Dalchowsee.

"Right here." - Die rauhe Decke auf der Gästeliege, deine Daumennägel ritzen rote Streifen in meine Haut. "I´m keeping you right here." Where have you gone, Mr. Hell? Ich wollte noch in die Erich-Weinert-Straße fahren, die Decke holen mit deinen Spermaspuren drauf. Mein Gastgeschenk für Deine Höhle dort unten. Deine Markierungen, Tomasz, Dein Geruch, den ich mitnehme und mitbringe, Dir da lasse, wenn Du mich vor die Tür setzt. Wirst Du mich vor die Tür stellen? "I´m fucking sick of thee, Annie."
Tausendmal habe ich den Text des letzten Chats analysiert. Was schriebst Du? Was schrieb ich? Wann schlug die Stimmung um? "We can´t be all tied down." "I´m not tied down." "Marriage is a prison." - "The boring book of love." Es schlief im Zimmer nebenan. Jede Nacht hörte ich die ruhigen Atemzüge des Bären. Er ahnte es. Aber er sagte nichts. Er wartete, dass es vorüber geht. Wie alles vorüber ging. Er blieb.

Am Seeufer flossen endlich die Tränen. Tomasz. Ich hatte auch nach deinem bürgerlichen Namen das Netz durchforstet. Kein Hinweis auf Tomasz Hosni seit April 2008. Dein Name aufgeführt in der Teilnehmerliste eines Deutschkurses am Goethe-Instituts Berlin. Kursleiter(in): N.N. Annie. Niemand sonst nennt mich Annie, Ännie, mit ä und langgezogenem i. Tomasz. In Berlin habe ich dich niemals Tom genannt. Tom Hell, der Höllenmann, der virtuelle JOKER, der mich vernichtet, der mir sagt: "Fuck you." Tomasz hätte das nie gesagt. Ach was, Tomasz hat das gesagt, mit anderen Worten, mit Taten, Tomasz hat das getan. Fuck you. Annie.

Zum Frühstück war ich zurück. Bert hatte den Buben die Pausenbrote schon gemacht. "Ich brauchte ein bisschen Frischluft." "Kein Problem." Bert küsste mich auf die Wange. Carl schlug den Sportteil auf: "Läuft Scheiße für die Hertha." "Die Hertha ist Scheiße." Die Gelegenheit ließ sich Daniel nicht entgehen. Schon waren sie mitten drin im Bruderzwist. Dann die übliche Hektik beim Aufbruch. Bert verabschiedete sich: "Und was steht bei dir heute auf dem Programm?" "Ich muss mein Seminar vorbereiten. Am besten fahre ich heute Nachmittag schon nach Berlin und übernachte in der Weinert-Straße. Ist das o.k.? Dann habe ich morgen nicht so viel Stress." "Klar. Wir kommen zurecht, weißt du doch." Er küsste mich. Die Tür schlug hinter ihm zu. Ich sah ihm nach, wie er den Schotterweg hinunterlief, nach links abbog, die wenigen Schritte durch den Wald zum Leibniz-Institut.

Ich rannte die Treppe hoch. Den Computer anwerfen, bitte, bitte, Mr. Hell, send me a message. 7 neue Nachrichten an annebarnhelm@web.de. Keine Nachricht für armgardbarby@googlemail.com. Tom Hell is offline. Tomasz Hosni was never online. Die Schreibtischschublade stand halboffen. Burgunderrot lugte der Reisepass hervor. Expedia. Ein Flug nach Sydney, Qantas: Abflug 16. November 2009, 23:20 FRA, Ankunft in Sydney um 6:25 am 18. November 2009. Ich wollte nur probieren, ob man wirklich noch für heute Nacht einen Flug buchen könnte. Dann ging es ganz schnell. Die Kreditkartennummer eingegeben, Geheimzahl, gebucht.

Ich habe einen Flug nach Sydney gebucht. Ich sitze im Zug nach Frankfurt am Main. Draußen gleitet die norddeutsche Tiefebene vorbei. Herr Hölle, ich komme. Ich beweise es: "I´m not tied down." Die Zeit hat nicht gereicht, um in der Weinert-Straße vorbeizufahren. Das Auto habe ich in Potsdam abgestellt. Kein Gastgeschenk für den Herrn der Hölle. Ich bringe nur mich. Ich habe keinen Rückflug gebucht. Aus der Hölle gibt es keine Wiederkehr.

Ankunft in Frankfurt/Hauptbahnhof um 19.44 Uhr. Ich greife nach meinem kleinen Boardcase. Ich werde kein Gepäck einzuchecken haben. In der Hölle wird alles neu sein. Aussie-Relaxed-Style: Converse-Treter, Shorts, Bikini-Oberteile. Frauen in meinem Alter sollten keinen Bikini tragen. Ich habe diese kurzen hellen Schwangerschaftstreifen an den Hüften, drei links, drei rechts. Ich trage Badeanzüge. Mr. Hell: "I hate California Girls." Und Bondi-Beach-Girls? Er hasst es, wenn ich von meinem Alter rede. "If anything else fails just blame the damn time space continuum." Oder von meinen Söhnen. "You´re a mother of beautiful sons. - I´m feeling sick." Ich komme, Mr. Hell.

Problemlos lassen sie mich durch die Kontrollen. Ich kaufe einen SPIEGEL. Auf dem Titel Robert Enke, der Fußballtorwart, der sich umgebracht hat. "Melancholia. It chooses the ones it wants." "But she´s beautiful, isn´t she?""Angel child."

Mein Mobile vibriert: "Flieg, Schwesterherz. Flieg. See you in Singapore. Melusine." Mir wird heiß, ich muss den Mantel aufknöpfen. MELUSINE. "Been fifteen years since we spoke. The wounds have healed on my throat."


"Passengers for flight Q 005 to Sydney via Singapore..." Ich stehe auf, hebe meinen kleinen schwarzen Koffer hoch, gehe auf das Gate zu. Das Mobile klingelt erneut, mit einer Hand fingere ich es aus der Manteltasche. Carl schreibt: "Kannst du mir Bd. 8 von Y. The Last Man mitbringen? Danke, Mama." Last Man. Der l e t z te Mann? Daniel. Carl. Bert. - My men. Anne. ABCD. Barnhelm.




Melusine, Melusine...

"Don´t know where I´m going,
don´t know where it´s flowing,
but I know it´s finding YOU."

"Ihre Bordkarte, bitte."

20100209

EINE ZUVIEL (Liebe ist ein süßes Licht)

UNTER WASSER  --------- Timeout----------

Eine war Melusine, die tanzte auf den Tischen, die lockte und lachte und trank und suchte Ärger, hielt die Männer hin und die Frauen aus. Am Morgen war sie verkatert, schimpfte und fand nicht aus dem Bett.

Eine war Armgard, die hielt sich an ihn, blickte zu ihm auf und warb um sein Lob, sorgte sich und hoffte auf morgen. Die mühte sich und lernte und schuf ein Heim.

SIE war zwei: Melusine: Sehn-Sucht und Armgard: Lebensfülle. Melusine, auf der Suche nach Lust und Armgard, verlangend nach Liebe. Melusine, die das Unaussprechliche wollte und Armgard, die als Missionarin gab, was verlangt wurde. Sie träumte sich als MELUSINE des Nachts und lebte am Tage als ARMGARD. Sie zog durch die Kneipen in den Nächten, sie lag bekifft auf den Dächern und schaute die Sterne. Sie kochte das Essen und verdiente das Geld bei Tage. MELUSINE // ARMGARD.  Doch er wählte Armgard und Melusine ging ins Wasser.

ARMGARD - fühlte sich erwählt, ließ sich ein auf die Ehe, gebar Söhne. Liebte, hoffte, wartete auf einen Morgen, der Leiden schafft... Kämpfte sich nieder, rang mit der Schuld, die in ihrer Brust brannte: Der Mord an Melusine... Sie wusste es und vergaß. Sie leugnete und ging einkaufen. Sie schmückte das Haus. Sie trug die Perlenkette.

Wo ist die Leiche versteckt? Ich weiß es nicht mehr.

In manchen Nächten wacht sie auf, schweißgebadet.

Ich weiß es wieder.

Und dann trifft sie den Anderen, der seinen Hass hinausschreit. Der seinen Schmerz nicht verbirgt. Ein unsichtbarer Feind. Ein unhörbarer Freund. Be my nightmare. Einer dessen lächerliche Schönheit sie unerwartet betört. Sie sieht. Sie hört ihn. Melusine erhört ihn, begehrt den dunklen Ritter. Wer spricht?

Melusine. Armgard. Melusine.
Die Lust, die Leiden schafft. Die sich wieder regt, Böses zu wollen, den Schmerz zu ersehnen... Sie kehrt zurück... Hebt ihr Haupt und schwört Rache dem Mann... Schützend wirft Armgard sich vor ihn und die Söhne...

"Du selbst hast mich gerufen, Armgard."
"Tat ich´s, Melusine?"
"Ich lasse sie leben, wenn du...leidest, wie ich..."

"MELUSINE - ES tötete dich und mich und ich dich... Die Ehe. Der Verzicht. Der regelmäßige Sex. Das alltägliche Glück. "

"Von den Toten auferstanden in den letzten Tagen...Bin ich. Bist du. Jetzt werden wir Schmerzen verbreiten. Doch zuerst, Armgard, zuerst müssen wir uns erinnern. Unsere Geschichte finden."

"Liebe und Lust."
"Sehnsucht und Verzicht."
"Stolz und Unterwerfung."
"Freiheit und Einsamkeit."
"Geliebte Einsamkeit."
"Süße Trauigkeit."
"Sweet light."
"Halt mich fest, Melusine."
"Ich bin da!"

"Lass uns fliegen."
"Erst musst du erzählen."
"Es ist Zeit."