20120428

DRACHENWEIB (We took the wrong road)


Indian Ocean, 20. August 2010, 00:45 (IST Indian Standard Time)

Sie sucht mich an den Ufern, nicht länger ist sie trocken gelegt. Still saß sie vor langer Zeit am See Ontario und früher einmal spuckte sie in den Wannsee. Sie scheute die Nässe und ließ meine Tränen nicht ihre Wangen benetzen. Sie blieb und steckte die Füße in hohe Schuhe, die schmerzten. Weit wurden ihre Pupillen vor Angst, wenn ich sanft Wellen ans Land schlagen ließ. Als ahnte sie schon, was kommen würde...Sie konzentrierte sich auf die Segelboote und lauschte dem Klang der Dampfschiffschlager. Sie tat, was sie konnte, um mich nicht zu hören. Nun aber steht sie in der Böschung, den Kopf zur Seite geneigt, das blonde Haar weht ihr aus dem Gesicht, die Nase schnuppert, die Ohren spitz wie die Brüste unter der Bluse. Sie lauscht. Dem Gesang der Sirene, die sie ist.

Lost all yours letters when the ship sank
In the disjointed breaking light
The soft blue approach of the water
Makes a sound you won't forget

Wo warst du, Melusine? Ich war eine Haut ohne Schuppen, ein Fetzen trockenes Papier. Ich blutete nicht mehr  und stöhnte nicht und sang nicht gegen die Wellen. Wo warst du, Melusine? Ich war unter den teuren Erden, ich war ein roter Staub zwischen den Zehen, ich war die Asche unter den Hölzern. Wo warst du, Melusine? Am anderen Ende der Welt. Ans andere Ende der Welt, Schwester, hast du mich verbannt. Du vergaßt meinen Drachenleib und dachtest nur an den Fischschwanz. Wo warst du, Melusine? Ich breitete die Flügel des Drachen aus. Ich war ein Vogel im Baum, ein Schimmer zwischen den Büschen. Ich kannte mich nicht mehr, weil du mich verleugnetest. Wo warst du, Melusine? Ich fiel getroffen vom Stein aus dem Himmel vor seine Füße. Wo warst du, Melusine? Ich war gestorben, mein kleines Herz unter den Federn hatte aufgehört zu schlagen.

I took the Wrong Road round
Stranded at low-tide where the river bends
Wouldn't you know it, that's how life ends

Melusine, tat ich das? Wie bringe ich dich wieder zum Singen? Ozeane unter der platzenden Kruste, langsam wie Lava, zäh wie Brei, trieben dich fort? Erst der dunkle Ritter ließ dich erbeben. (Er ist es nicht.) Solange du dich verbargst, konnte ich nicht leben. Der salzige Geschmack in meinem Mund aus der Tiefe dieses Meeres, als du dich ihm öffnetest. (Er ist es nicht.) Aber er bohrte den Boden auf. Es rauschte in meinen Ohren dein Stöhnen. Sie kam zurück. Sie sang. Die Verräterin tauchte durch die Nacht.

Wie schrecklich bin ich, wie schön und wie traurig. Einer wird sterben. Wie ich starb, als ich ein Vogel war und du die Schlange. Wir nahmen den falschen Weg. 

20111012

ZERRÜTTUNG (So you stay inside...)

Neuglobsow, 25. August 2009, 16:42 CET (Central European Time)

Ich schaffte es gerade noch, mich am Küchenhocker festzuhalten. Wie die Schnitte an den bloßen Fußsohlen brennen. Die Zuckerdose ist mir aus den Händen geglitten, als ich nach ihr greifen wollte. Der Tee auf der Anrichte verdampft den tröstlichen Duft von Hagebutten. Ich kann die Tasse nicht erreichen von hier aus. Alles entgleitet mir in den letzten Tagen. Meine Finger sind oft wie taub, bis das sachte Kribbeln kommt, als seien sie eingeschlafen und wachten nur langsam wieder auf. Ich kann mit denen nicht mehr zupacken, nichts festhalten. So fing es auch bei Mama an. Ruhig, Anne, ganz ruhig. Ein Windhauch wie aus Engelsmund.

It rains for days
So you stay inside
And lock your door
Crying all the time
Crying for...

Ich hebe den linken Fuß an und ziehe die Sohle vor meine Augen. Auf dem Boden liegen die Kandisstücke. Die Dose ist heil geblieben, keine Scherben. Man schneidet sich nicht an Kandisstücken. Mir tut alles so weh. Ich blute, meine Füße bluten, ich kann nicht länger auf ihnen stehen, nicht weiter gehen, von hier aus nicht mehr. Tränen laufen mir übers Gesicht. Ich streiche mit dem Finger über die raue Fußfläche. Da ist kein Blut zu sehen. Meine Wunden bleiben unsichtbar. Mama! Bitte, Mama, puste! Was für ein böser Zauber das ist, dass keiner diese Schnitte sieht. Niemand wird mir glauben, wie weh mir das Gehen tut. Bert wird nicht einmal lachen, wenn ich ihm das erzähle. Bert darf nichts davon wissen.
Es gibt soviel, wovon Bert nicht wissen darf. Erst wenn er geht, atme ich auf. Jeden Morgen warte ich auf den Moment, wenn die Tür ins Schloss fällt. Dann fällt die Erstarrung ab, die hoffnungslose Müdigkeit, die mich befallen hat. Auch der heutige Tag fing damit an, dass er das Haus verließ und den Weg durch den Wald nahm zum Institut für Limnologie. Dass Bert den See erforscht. Bert wird nie etwas finden darin, was er sich nicht erklären kann. Eine Langzeitstudie geschichteter Seen, oh Bert, eine lange, so lange Zeit und doch: Der See wird sein Geheimnis nicht preisgeben, nicht an dich. All deine Wasserproben zeigen dir nicht, was hier geschieht. Ich musste raus. Rennen, um den See rennen, mich auslaufen, weglaufen vor dir und deinen Studien. Aber meine Füße trugen mich nicht ans Wasser. Ich war gefangen, deine Gefangene mit den zerschnittenen Füßen. Die liebenswürdige Zurückhaltung, diese elende Mäßigkeit mit der du mich erträgst, aushälst, behälst. Ich sehe in deinen Augen jetzt oft den Blick, den du auch auf Mama geworfen hast, meine schöne goldene Mutter.

Climb aboard my pony
Now you´ve been thrown
Get back in the saddle
And let it be known
That you´re made of steel

So gütig, sie hat dich gehasst dafür, sofort. Bevor wir gingen, zog sie mich beiseite: „Er ist es nicht. Ich habe ihn nicht gesehen dort unten.“ „Eben drum.“, sagte ich und schüttelte sie ab. Die Sehnsucht, hatte ich gedacht, ist an dich gebrandet und ausgespült, bei dir hat sie sich verlaufen wie in einem Delta. Ich habe mich treiben lassen. Du warst das Boot. Wer ein Boot hat, braucht nicht auf eigenen Füßen stehen. Das war der Deal. Die See, dachte ich, die See wird uns verbinden. Dabei sind es die Wasser, die uns trennen wie Ozeane die Kontinente. Du erforschst, ich tauche. Du hast nie etwas gehört dort unten, nur das Rauschen deines eigenen Bluts. Mein Blut ist kalt. Das weißt du nicht. Deine Vernunft ist nicht herzlos. Ich habe mich darauf verlassen.

Das Haus ist groß, aber es ist nicht mehr groß genug für uns, ich höre durch alle Wände, wenn Bert daheim ist, es ist alles durchdrungen von ihm. Das ist sein Leben, das war unser Leben, das Leben, das ich nicht mehr will, dass ich ihm gegen die Brust knallen, vor die Füße kotzen könnte, dieses Leben, das mich verstummen lässt, das mich erstickt, das mich schwer macht, so schwer, dass ich die Füße nicht mehr heben kann, dass jede Bewegung eine ungeheure Anstrengung ist, dass ich schnaufe, wenn ich mich nach den Zuckerstücken bücke, dass ich mich vor Schmerzen krümme, wie ich den Besen und die Schaufel hervor hole, dass mir die Luft wegbleibt, wenn ich mich beuge und kehre.

You walk around
With your eyes wide open
But you´re barely alive

Ich habe versucht mich leichter zu machen, damit mich diese Schwere nicht weiter hinunterzieht. Ich wiege nicht mal mehr 50kg, das habe ich geschafft. Ich mache keine Diät, aber ich habe Angst, dass ich mich nicht mehr auf den Beinen halten kann, wenn ich Gewicht zulege. Das könnte sein, dass ich dann endgültig nicht mehr genügend Kraft habe, mich aufrecht zu halten. Ich will schwimmen, tauchen, absacken; du hast auf Mama immer nur mit Nachsicht geschaut; ich weiß das Bert, ich habe dich geliebt deswegen, aber ich sehne mich nach ihr, nach ihren Schlingen, weißt du, es ist dort unten nicht schauerlich, es ist so schön im grünen Licht.

Der dunkle Ritter kennt das Unten. Er weiß darum und hat es gesehen in mir, von Anfang an. Ich lecke aus seinem Nabel, nicht weil er flacher ist und seine Haut jünger als deine, ich lasse mich von ihm auf den Boden werfen, weil er weiß, wie es da ist, wo ich herkomme. Ich habe geschworen. Für immer und ewig. Meine schönen Söhne und deine. Meine Mühen siehst du nicht. Du glaubst, dass ich die Tage vertrödele. Und meine jämmerlichen Klagen. Ich schlüge mich, wär´ ich an deiner Stelle.

You say you´ve lost your touch
But don´t you think
That for once in your live
You should walk without a crutch?

Ich will es. Ich streife die Socken über und schlüpfe in die Schuhe. Es wird schon gehen, einen Fuß vor den anderen. Kein Blut auf dem Boden. Nur noch ein paar Zuckerstücke für das Pony.

20110806

MARKIERUNG (Please be kind)

Berlin, 1. September 2009, 6:41 CET (Central European Time)

Ein morgendlicher Lichtstrahl drang wie damals durch die Zeltgestänge von Yarramundi ins Zimmer und beleuchtete Annies Körper. Die Stoffbahnen der gelben Vorhänge spielten mit dem Wind und die Lichtpunkte, die der Staub aufwirbelte, tanzten auf ihrer Haut. Er staunte, wie vertraut ihm dieser Körper schon war, die schlanken Beine, die kleine Grube im rechten Knie, das sie an das linke angelehnt hatte, die Hüften, die breit entspannt auf dem Laken lagen, der Nabel, der als ein dünner Strich in den flachen Bauch geritzt war, das winzige Muttermal, wie zwischen ihre Brüste getippt. Tomasz berührte mit seinem Mittelfinger vorsichtig einen der weißen Streifen rings um ihre Hüften und zog dessen Form nach, die Biegung, die ihn an einen Notenschlüssel erinnerte.

Lord, I feel you made the hills
Watch them roll

„I am your Lord.“ Nie zuvor hatte er so zu einer Frau gesprochen. Wie erschrocken sie gewesen war, als er zum ersten Mal die Schwangerschaftsstreifen mit seinen Händen erkundet hatte. Da war ihm klar geworden, was er vorher nur geahnt hatte: dass Annies Körper in gewisser Weise jungfräulich war, ein Körper, den sie noch keinen, Millimeter für Millimeter, hatte berühren lassen, nicht einmal jenen Mann, mit dem sie gezeugt hatte. Es waren in und auf diesem Körper weiße Flecken zu entdecken, selbst ihrer Ureinwohnerin noch fremd. Tomasz war vorgedrungen in diese Wildnis wie ein Eroberer, ungestüm, alles grob aus dem Weg räumend, was seinen Ansturm behinderte. Aber später hatte er begonnen, sich in den Spuren der Schneisen, die er geschlagen hatte, zurückzubewegen, Schritt für Schritt und dieses unbekannte Land zu ertasten, zu erhören, zu erschmecken. Das hatte sie mehr geängstigt als sein Überfall: diese neue Gier, sie zu erkennen. Er hatte ihr gesagt: „I want to map your body out, inch by inch.“ Sie hatte die Luft angehalten, ganz fest war der Bauch unter seiner Hand geworden, er hatte sich schwerer gemacht, sich schließlich mit seinem ganzen Gewicht auf sie gestützt, bis sie Luft holen musste, ihre Bauchdecke sich hob. Seine Hand hatte diese Bewegung wie eine Welle aufgegriffen und war darauf geglitten, unter ihre Achsel, an ihre Kehle, hatte zugedrückt, gekniffen, gestreichelt, seine Lippen waren der Hand gefolgt, überall hin, auch seine Zunge. Es ging nicht, sie verstand das sofort, um Erregung, es ging um Preisgabe. Er wollte, dass sie sich ihm öffnete, lernte sich zu entspannen, weiterzuatmen, sich seinen Händen, seinen Lippen, seiner Zunge auszuliefern. Sie beobachtete ihn aus den Augenwinkeln. Er sagte: „Look into my eyes.“ Und sie wurde rot vor Scham, weil sie sich so sehr danach sehnte, von ihm entdeckt zu werden und weil er das sehen konnte.

I´ve seen the promised land
And that is all.

Wie zweidimensionale weiße Maden lagen die Streifen auf ihren Hüften, derentwegen sie so verlegen gewesen war. Tomasz begriff, während sein Finger einen nach dem anderen dieser Streifen nachfuhr,  dass es gerade auch diese unschönen Streifen waren, die ihn an sie banden. Es berührte ihn etwas an dieser unscheinbaren Entstellung: dass sie besessen worden war auf eine Weise, auf die er sie nie besitzen würde. Sie markierten die unstillbare Sehnsucht, die schließlich alle Gier, mit der er sich auf sie warf, in verzweifelte Zärtlichkeit wandelte.

Please be kind
Please be kind

Es war der letzte Tag im Sommercamp von Yarramundi gewesen, an dem er den Vogel tötete. Als seine Eltern aus dem Wagen stiegen, schrien die Jungen: „Tomasz hat den Kookaburra getroffen.“ Sein Vater, weißhaarig, aber bemüht, kumpelhaft zu wirken, hatte ihn abgeklatscht, als hätte er eine Heldentat vollbracht. Tomasz suchte die Augen seiner Mutter, die im Wagen sitzen geblieben war. Doch sie nahm die Sonnenbrille nicht ab. Als sie ausstieg, sah sie nicht mal zu ihm hin. Stumm öffnete sie die hintere Tür und setzte sich auf die Rückbank. Sein Vater zuckte die Achseln. „Nach Hause, Tomasz?“ Auf dem Beifahrersitz neben seinem Vater blickte er starr nach vorn durch die Windschutzscheibe und kämpfte darum, die Tränen zurückzuhalten. Er schaltete das Radio ein. Ein Kinderchor sang „Kookaburra sits in the old oak tree...“ und er hörte seine Mutter hinter sich mitsummen.

Please be kind
Please be kind

Tomasz fing die salzige Träne mit der Zunge auf, bevor sie auf Annies Schulter fallen konnte. „Falling in love“, er hatte das nicht für möglich gehalten, dass ein solcher Sog entstehen könnte, als ginge er unter. Er wollte das nicht. Es war unmöglich, das zu wollen: eine verheiratete Frau, die alt war und nicht außergewöhnlich schön, eine verdammte Mutter vor allem, die dauernd von ihren Söhnen sprach. Er hasste das. Aber genau das war ihm passiert. Er hatte gedacht, es sei eine sportliche Herausforderung, die er sich stellte: Verführe die Unnahbare, leg die Alte flach! Tatsächlich hatte er sich von Anfang an etwas vorgemacht. Das wusste er jetzt. Er hatte ihre Hände beobachtet, wie sie durch die Luft flatterten, wenn sie redete vor dem Kurs. Dass er so auf sie gesehen hatte, während er „Ich, Du, Er/Sie/Es“ von ihr lernen sollte, das hätte ihn warnen können. Wenn einer geil ist, schaut er einer Frau auf die Brüste oder die Beine. Wenn er sich verguckt, .... Man denkt, man schaut in die Augen. Aber sie war seinem Augenblick immer ausgewichen und er hatte nicht versucht, ihn zu fixieren. Er verfolgte jede ihrer Bewegungen und obwohl sie nie nach ihm hin sah, war er sich sicher, dass sie sich für ihn bewegte, so. Sie hatten sich nicht angesehen, wochenlang, schien ihm, und dennoch hatte er da schon kaum an etwas anderes gedacht, als an sie.

The old way out
Is now the new way in

Sie war die Ältere, aber er war der Erfahrene. Sie wusste viel, aber er konnte sie beherrschen. War es ihm darum gegangen? Er hatte sich auch das eine ganze Weile eingeredet. In Wirklichkeit aber, so fühlte er, als er behutsam seinen Körper ganz eng an den ihren schmiegte, hatte sie die Gewalt über ihn gehabt und immer behalten. Er sehnte sich nach ihr, weil er sie nicht haben konnte, er war verrückt danach, sie den Verstand verlieren zu lassen, weil er wusste, dass sie sich am Ende wieder im Griff hatte, während er immer nur liegen bleiben wollte neben ihr. Wenn sie aufwachte, würde sie ihre Sachen zusammenpacken und gehen. Nach Hause. Verdammt.

I see that life
But it won´t begin.

20110416

Heiße Zelle (The Old Way Out)

Neuglobsow, 13. September 2009, 5:06 CET(Central European Time)

The Old Way Out is now the new way in.

Der See strahlte. Er schien aus tiefer Dunkelheit die Stille zu verstrahlen, nach der ich mich so vergeblich sehnte. Brachtest du mich darum in diesen Landstrich, mein Mann? Damit ich endlich jene Gelassenheit finde, um derentwillen ich mich an dich schmiegte und in dein Leben fügte? Doch schon Fontane schrieb, dass diese Tiefe sich von altersher den Hang nach Menschenopfern bewahrt hat. Und so höre ich, wann immer ich ans Ufer trete, im leichten Schlag der Wellen das „Komm, komm, komm“ der Schwester, die ich ertränkte.

Wieder einmal hatte ich mich davon geschlichen, aus dem Bett und dem Haus, in die Morgendämmerung, an den See, weg von deiner Nähe, die mich umfängt und fesselt. Was treibt mich wohin? Zum See hinunter ging ich noch gemessenen Schritts, doch meine Gedanken stürzten sich schon fort ins Wasser, trieben wie Ertrinkende unter den Algen: Dort unten lebt sie fort, die Andere, die sich hergibt, die sich in Berlin von dem dunklen Ritter überwältigen ließ, die sich fürchtete vor der gewaltsamen Öffnung ihres Körpers und sich doch immer wieder in seine Nähe drängte, ihm die Türe öffnete, den Schlüssel übergab, sich überfallen und auf das ungemachte Bett werfen ließ von dem. Tom Tom. Du ahnst es vielleicht, beschweigst, beschwörst die Stille, den See, das beschauliche Leben und begreifst nicht, dass es von daher kommt: das Sehnen, das Aufbegehren, die Hitze. Denn still liegt da der See, so grün, so blau, so besonnt. Doch unter der Oberfläche rumort es.

Please be kind
Please be kind

Ich rannte die lange Schleife vorbei am Institut für Limnologie. Keine Menschenseele so früh unterwegs, nur ein paar aufgeschreckte Vögel erhoben sich über dem Wasser. Das Tempo drosseln, sagte ich mir, doch konnte ich mich nicht bremsen, ich musste dies sündige Sehnen, herauslaufen, keuchend am Ende des Laufes zusammensinken, um jenes andere Keuchen vergessen zu machen, an Tomasz Ohr, die Nägel tief in seinen Rücken gebohrt, die Erschöpfung, die keinen Frieden brachte, der Wille nach mehr, mehr, mehr...

Still lag der See und still das Kernkraftwerk, außer Betrieb seit 1990, im Rückbau seit 1995. Es soll  wieder grün werden hier, überwuchert die Flächen von märkischem Sand, Efeu und Birke, doch noch stehen die Hallen, die Sperrzäune. Hier findet der weltweit erste Versuch statt, ein Atomkraftwerk vollständig wieder vom Boden der Erde zu tilgen. In Wahrheit geht es nur um Verschiebung. In jenem Sommer, in dem wir an den See zogen, wurde der Reaktordruckbehälter von hier nach Lubmin verbracht. Es gibt keine „Endlager“, keine Sicherheit, keine Entsorgung, nichts verschwindet ohne Spuren. Die Ruhe ist trügerisch und der See weiß es. Und die im See. Und ich. Es bleibt die heiße Zelle, in der die strahlendem Substanzen reagieren. Auch die, so behauptet man, werde nun abgebaut, doch ahne ich: sie strahlt weiter. Der ruhiggestellte See wird anzeigen, wenn sie anderswo rumort. Wie ich. Wie ich anderswo unseren Frieden verrate. Wie ich dich betrüge anderswo, mit dem, der die Ruhe verachtet. Der See, schrieb der Alte, ist launisch. Doch so stimmt es nicht: Der See birgt die Wahrheit und die ist nicht schön und still und gut.

Ich rannte. Mir die Seele aus dem Leib. Wandte den Blick vom See, in dessen Antlitz sich immerzu das Gesicht des dunklen Ritters spiegelte, den ich doch laufend zu vergessen versuchte. Ich werde ein Unglück ertrotzen, der Rückbau ist missglückt.

Über dem Hausfirst ging die Sonne auf, als ich den See umrundet hatte. Die Beine fühlten sich schwer an. Der Atem ging stoßweise. Es schäumt und wogt und greift an, kreischt und kräht. Kein Hahn. In mir. Melusine. Trommle ich hinaus. Übermorgen. Dein Lied: TRAIN SPACE.

Ich schloss auf und schlich mich ins Bad, um zu duschen.

Lord above you filled the sea, watch it roll.
At your last port of call
You weren´t saved.